6. June 2017 Mario Schmidt-Wendling

Testbericht topo athletic FLI-Lyte 2

Heute möchte ich mich mal als Produkt-Tester probieren, weil ich in dem Produkt ein enormes Potenzial sehe.

Als lizenzierter Pose Method of Running- Coach hab ich ein sehr gespaltenes Verhältnis zum Thema Laufschuhe. Da werden uns sogenannte Innovationen seitens der Hersteller versprochen, die in meinen Augen leider vollkommener Blödsinn sind. Viele Athleten erhoffen sich ein besseres Laufen durch den Kauf des neuesten Laufschuh-Trends, vernachlässigen aber hierbei sträflich das Verbessern ihrer Laufökonomie/Lauftechnik. Die Schuhartikel-Industrie ist leider maßgeblich dafür verantwortlich, dass sich Laufverletzungen in größeren Ausmaß breitmachen konnten. Erst durch den Einsatz von großen Dämpfungselementen und großer Sprengung ( Höhendifferenz Ferse zum Vorfuß) hat sich der Fußaufsatz über die Ferse erst manifestiert. Irgendwann haben die Schuhhersteller diese Problematik erkannt und mit Nike Free als Vorreiter Modelle für sogenanntes Natural Running auf den Markt gebracht.

Allerdings hat man hierbei versäumt, den Athleten den richtigen Umgang mit Schuhen ohne Sprengung beizubringen. In meinen Augen hätte zu jedem Barfußlaufschuh eine enstprechende Schulung mitverkauft werden sollen, denn die Art des Laufens hat sich leider nicht durch den Kauf eines Natural Running-Schuhs automatisch verändert. Man sieht auch heute noch viele Läufer mit Fersenaufsatz, zu großer Schrittlänge, Fußaufsatz mit gestrecktem Bein weit vor dem Körperschwerpunkt, allerdings nun mit Schuhen, die einem bei solcher bescheidener Biomechanik nicht helfen, was zur Folge hat, dass sich die Läufer noch mehr verletzen.

Ich habe daher weit vor dem großen Hype um Hoka One One schon per Video-Blog darauf hingewiesen, dass im Langdistanz-Triathlon der Trend weg von den Minimal-Schuhen zum Prinzip Maximum Cushioning a la Hoka gehen sollte, wenn der Athlet nicht gewillt ist, seine Komfortzone zu verlassen und seine Lauftechnik komplett neu zu erlernen. Der sog. Kona Shoe Count hat gezeigt, dass meine Einschätzung richtig war, Hoka ist auf Hawaii mittlerweile sehr gut vertreten.

Als schwerer Läufer profitere ich sehr stark von den Dämpfungseigenschaften der Hokas oder des Altra Paradigm , verfüge aber pose-geschult über einen präzisen Fußaufsatz unter dem Körperschwerpunkt, sprich über die Fähigkeit der einzig natürlichen Laufbewegung. Mich hat bisher immer an den Hokas gestört, dass man kaum Feedback zum Untergrund bekommt. Ich hab latent immer das Gefühl, in ein Kopfkissen zu treten. Die Schuhe fühlen sich immer schwammig und wenig direkt an. Die Passform ist eher bescheiden, genauso wie die Schnürung, kurzum die Schuhe passen (zumindest bei mir) nur bedingt. Als Alternative bin ich den Altra Paradigm mit 0mm- Sprengung gelaufen. Große Zehenbox mit jeder Menge Platz zur natürlichen Bewegung der Zehen klingt auf jeden Fall sehr gut. Allerdings bietet der Schuh im Mittelfuß kaum Halt, selbst bei wirklich fester Schnürung, was bei mir zur Folge hatte, dass der Fuß mehr mit dem Suchen von Halt im Schuh beschäftigt ist als mit dem eigentlichen Laufen. Resultat: feste Fußmuskulatur, feste Plantarsehne.

Im vergangenen Winter bin ich dann erstmals auf eine neue Marke namens topo athletic aufmerksam geworden. Mein erster Gedanke war: Nicht schon wieder ein neuer Hersteller, der die bereits oben genannten Fehler mit großem Marketing-Hype verkaufen will. Ich hab dann jedoch auf diversen Internetplattformen erste Tests gelesen, so dass mein Interesse irgendwie geweckt wurde. Bei der Triathlon Convention in Langen hab ich die Schuhe dann erstmals live und in Farbe gesehen, aber zeitlich bedingt wieder aus den Augen verloren, dann aber auf facebook gesehen, dass die ersten Schuhe nun in Deutschland erhältlich sind und mir ein Paar bestellt.

Mein erster Eindruck war eher olfaktorisch beeinflusst, die Schuhe haben stark nach Weichmacher gerochen. Das hat sich aber nach 2-3 Tagen gegeben und ein anderer Geruch nach einem Lauf im Regen hat Einzug gehalten;-)

Ich hab mich bewusst für den FLI-Lyte 2 entscheiden, er stellt den mittleren Schuh in Sachen Sprengung (3mm) und Gewicht ca 250gr dar.

Ich würde im Langdistanztriathlon nicht weniger als 3mm-Sprengung laufen, denn durch die Vorermüdung durchs Radfahren ist die Wadenmuskulatur fest und die Beweglichkeit im Unterschenkel dadurch beeinträchtig. Der ST-2 bietet 0mm-Sprengung bei ca 200Gramm und ist somit eher was für kürzere Distanzen, der Ultrafly kommt mit 5mm-Sprengung (ähnlich wie Hoka) und ca 280Gramm Gewicht.

Der Schuh passt perfekt, die Zehen haben wie beim Altra ausreichend Platz. Im Gegensatz zum Altra ist der Blick auf die Zehenbox „schicker“. Der Altra sieht jedoch immer irgendwie nach Ente aus und ich werde an meinen alten Physik-Lehrer erinnert, der in Mephisto-Wanderschuhen rumgelaufen ist. Der Mittelfuß wird extrem gut fixiert, die Schnürung verdient auch Lob, das Material der Schnürsenkel ist fest und stabil.

Insgesamt wirkt die Verarbeitung sehr hochwertig, das hab ich bei manchen Schuhen der großen und namhaften Herstellern zuletzt immer negativ feststellen müssen. Teilweise waren die Schuhe nach 400-500km einfach kaputt.

So, nun Butter bei die Fische:

Die Teile sehen nicht nur gut aus, sie sind es. Sensationelles Abrollverhalten, direkter Bodenkontakt und daraus resultierend ordentliches Feedback ans Hirn. Der Schuh ist extrem gut gedämpft ohne dabei schwammig zu wirken. Der Leisten ist sensationell, der Mix aus Platz für die Zehen und korrekter Fixierung des Fußes wird perfekt gelöst. Die Außensohle bietet ausreichend Grip auf leichtem Schotter und bei Nässe.

Hier hat Jemand seine Hausaufgaben gemacht, der Schuh ist für mich aktuell die eierlegende Wollmilchsau und eine Watschn für die Produktentwickler und Biomechaniker bei den großen Herstellern!

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