9. Dezember 2018 Mario Schmidt-Wendling

Triathlon- der Sport der Übermenschen?

Seit Jahren beobachte ich mit Argwohn, dass in den sozialen Medien immer wieder Aufschreie entstehen, wenn Sportler mit Dopingvergangenheitan Triathlon Veranstaltungen teilnehmen. 

Wenn ein des Dopings überführter Sportler seine Strafe verbüßt hat, danach wieder an Wettkämpfen teilnimmt, hat das durchaus Gschmäckle, denn es besteht ja die Möglichkeit, dass derjenige nicht geläutert zurückkehrt sondern „in alte Muster“ verfällt.

Aber ist es nicht so, dass jeder Mensch eine zweite Chance verdient? Wenn ein Krimineller nach Absitzen seiner Haftstrafe wieder in die Gesellschaft integriert werden soll, unternehmen wir als Gesellschaft große Mühen, um das voranzutreiben.

Ich verstehe die angebrachten Argumente durchaus, dass ein ehemaliger Doper nachhaltig leistungssteigernde Effekte hat, weil er durch den Einsatz der Pharmazie mehr und härter trainieren konnte. 

Es gibt aber mittlerweile einige anonymisierte Studien, die zum Ergebnis gebracht haben, wie hoch der Anteil der Sportler ist, die mit leistungssteigernden Substanzen agieren.

https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S2211266917300440

https://www.zeit.de/sport/2017-08/leichtathletik-doping-leistungssport-wada-studie

Die Sportarten Schwimmen, Radsport und Leichtathletik gelten nicht wirklich als „Saubermänner“ des Spitzensports, doch warum sollten dann Triathleten auf Top-Niveau nicht empfänglich für Doping sein? Als Argumente werden angeführt, dass es keine „Doping-Kultur“ im Triathlon gäbe, weil die Sportart noch jung sei. Ich halte dagegen, denn mittlerweile geht es im Triathlon auf Spitzenniveau um knallhartes Business . Die Preisgeldtabelle aus 2017 zeigt, dass es nicht mehr nur um Finishershirt und Medaille geht.

 

Bildschirmfoto 2018-12-07 um 10.36.16

(Quelle: https://www.triathlete.com/2018/03/news/triathletes-earned-prize-money-2017_311286) 

Eine einfache Gleichung lautet: hohe Prämien= Dopingaffinität!

Beim Ironman Mar del Plata konnten sich mit Stefan Schumacher und Michael Weiss zwei ehemalige Doper in den vorderen Rängen platzieren. Der Unmut ist groß und verständlich, ein großes deutsches Magazin weigert sich, Bilder von Michael Weiss nach seinen (wie auch immer erreichten) Siege zu publizieren. Dass aber am gleichen Tag eine ebenfalls des Dopings überführte Beth McKenzie  https://www.triathlete.com/2017/02/ironman/two-triathlon-doping-bans-announced-today_298328

in Busselton auf Rang 5 einläuft, findet keine Erwähnung. Der „Man with the Halo“ Tim Don wird geradezu vergöttert, hat aber auch missed tests im Jahr 2006 aufzuweisen.

https://www.theguardian.com/sport/2006/oct/13/uk.triathlon

Bleibt zu guter Letzt die Frage, wie es überhaupt sein kann, dass vermeintlich saubere Athleten ehemalige Doper hinter sich lassen können. 

Sind Triathleten Übermenschen, moralisch vollkommen unbefleckt und nicht empfänglich für Manipulationen jedweder Art? Wieso soll der Optimierungswahn im Triathlon vor der Apotheke Halt machen ? Warum werden Leistungsexplosionen mancher Sportler nicht hinterfragt, wenn dabei auch noch 2 Leistungsklassen auf einmal übersprungen werden? 

Ich bin wahrlich KEIN Befürworter des Dopings, aber die selbsternannten moralischen Instanzen des Triathlons sollte aufwachen. Es ist fast das Jahr 2019, der Triathlon ist dem Stadium des freakigen Nischensports der 80er- und 90er-Jahre entwachsen.

Wir sollten die rosa Triathlon-Brille ablegen und bei der Bewertung und Verurteilung von Dopingsündern mit gleichem Maß messen. Spitzensport ist leider auch Spritzensport, davon kannsich der Triathlon auch nicht freisprechen. 

Mich würde interessieren, welche Gedanken Hajo Seppelt, als einer der weltweit renommiertesten Investigativ-Journalisten im Kampf gegen Doping, zu eben dem Thema Doping im Triathlon hat.