Triathlon im Jahr 2021- irgendwas ist anders

Mit großer Aufmerksamkeit verfolge ich die Ergebnisse dieses Jahres. Mein Fokus liegt auf der Langdistanz, zum einen in der Nachbetrachtung der Ergebnislisten, aber auch durch Beobachtung am Streckenrand. Dabei ergeben sich für mich, auch jetzt schon vor Ende der Saison 2021, einige interessante Muster, die ich gesehen habe und dich ich mir abzuleiten versuche.

Streckenlängen:

Bei durchschnittlich 90 gecoachten Langdistanzrennen pro Jahr und im Abgleich mit den öffentlichen Strava-Files sehe ich doch eine größere Menge an Wettkampfdaten. Dabei kann man beobachten, dass es z.T. Abweichungen über die, wie ich finde, normale Toleranz hinaus gibt. Was die genauen Hintergründe für oft zu kurze Strecken sind, bleibt mir verborgen. Gerade beim Laufen sollte es in meinen Augen möglich sein, eine möglichst genaue Strecke bauen zu können. Vermutlich möchten die Veranstalter schnelle Zeiten gewährleisten, wobei in meinen Augen Bestzeiten im Triathlon eh eher eine untergeordnete Rolle spielen sollten, da es nur sehr bedingt eine Vergleichbarkeit von Strecke zu Strecke bzw. bei unterschiedlichen Witterungsbedingungen geben kann.

Anzahl der Wettkämpfe 70.3 und Langdistanz

Mit etwas Staunen sieht man gehäufter, dass Athleten eine größere Anzahl an Rennen über die o.g. Wettkampfdistanzen absolvieren. Im Profibereich fallen mir da spontan Athleten wie Lionel Sanders, David Plese oder Laura Philipp ein, die eine große Anzahl an Rennen in kurzer zeitlicher Abfolge und veritablen Resultaten bestreiten. Zum einen ist die 21er-Saison coronabedingt deutlich komprimiert und es gibt immer noch Reisebeschränkungen, die eine gewohnte Wettkampfplanung etwas konterkarieren. Zum anderen scheinen die neueren Schuhmodelle eine schnellere orthopädische Regeneration zu gewährleisten, doch darauf komme ich später nochmals zu sprechen. Für mich schwerer nachvollziehbar bleibt die Tatsache, wie solche Athleten es motivatonal auf die Reihe bekommen, in solch kurzen Zeiträumen wieder genügend Fokus und die Bereitschaft, „sich in die Fresse zu hauen“ finden können. Ob sich solch kurze Regenerationszeiten zwischen den Wettkämpfen doch negativ auswirken, Verletzungen oder mentalen Burn out fördern und am Ende karriereverkürzend sind (insbesondere bei bestehender Verletzungsanfälligkeit), wird wohl die Zukunft zeigen.

Schwimmen:

Als Profi-Athlet hatte man in den diversen Lockdowns keine bzw. kaum Einschränkungen hinsichtlich der Schwimmbadnutzung zu beklagen, so dass sich in meinen Augen keine Unterschiede zu vorherigen Jahren manifestiert hat. Allerdings beobachte ich immer mehr, wie wichtig das Schwimmen in Bezug auf Renngestaltung und Gesamtergebnis wird. Mittlerweile gibt es kaum noch Möglichkeiten, als Über-Biker dem Rennen einen Stempel aufzudrücken, wenn man nach dem Schwimmen bereits abgehängt ist. Kameramotorräder und Fahren in der Gruppe (mit hoffentlich regelkonformen Abständen) erschweren eine solche Aufholjagd. In den Altersklassen sehe ich pandemiegeschuldet einen leichten Rückgang in den Schwimmzeiten. Sportler, die von Haus aus schlechtere Schwimmer sind, leiden dabei offenbar mehr unter den Monaten ohne Schwimmtraining, während gute Schwimmer den Rückstand aus dem Winter leichter wettmachen konnten. Fehlende Schwimmkilometer resultieren oft in einem Rückgang in der Ökonomie, so dass zum Temporückgang gleichzeitig ein erhöhter Energieverbrauch zu erwarten ist. Interessanterweise habe ich diese Saison mehrfach gelesen, dass Sportler in der ersten Stunde auf dem Rad subjektiv deutlich mehr Energie von außen nachführen mussten als in den Jahren zuvor. Das könnte u.U. ein Indiz für einen erhöhten Energieverbrauch beim Schwimmen sein.

Rad:

Die Zeit der Monster-Biker scheint tendenziell eher vorbei zu sein. Wie oben bereits erwähnt, ist das Schwimmen immens wichtig geworden. Aber auch der Vorteil einer möglichst aerodynamischen Sitzposition und dem Tuning des Materials ist nicht mehr wirklich gegeben. Man sieht, dass sehr viele Athleten unter den Profis, aber auch Age Groupern ihre Hausaufgaben in diese Richtung mit Bravour gemacht haben und die wettkampffreie Zeit offensichtlich zum Tüfteln am Material genutzt zu haben scheinen. Im Gegensatz zu den Vorjahren findet man immer weniger Athleten, die wie der berühmte Affe auf dem Schleifstein sitzen. Die Rad-Splits sind in meiner Wahrnehmung bei den Altersklassensportlern in Relation zu den Profis schneller geworden. Ein Grund hierfür könnte neben dem Optimieren des Materials die Tatsache sein, dass wegen der Schwimmbadschließungen und dem Arbeiten im Homeoffice deutlich mehr Kilometer auf dem Rad absolviert wurden. Gerade in 2020 mit der Aussicht auf keine Wettkämpfe haben viele Athleten an der Entwicklung der Grundlagenausdauer gearbeitet, was sich durchaus in 2021 ausgezahlt haben könnte.

Lauf:

Den für mich größten Leistungssprung sieht man in der 3. Disziplin, also im Laufen. 2h35 ist das neue 2h42 bei den Männern, bei den weiblichen Athletinnen entspricht eine 2h4 einer 2h52 aus den Vorjahren. Selbst sub 2h50 im Altersklassenbereich sind mittlerweile immer wieder zu sehen. Die Anzahl derer, die unter 3h00 laufen nimmt stetig zu. Ich vermute zum einen, dass das mit einem besser entwickelten Radfahren bei gleichzeitig geringerem Kohlenhydratverbrauch und „Schützen“ der Glykogenreserven zu erklären sein könnte. Ein absoluter Game Changer stellen jedoch die Carbon-Laufschuhe dar. Ich würde ins Blaue hinein die zeitlichen Leistungsgewinne bei den Profis mit 3-5 min beziffern, im Altersklassenbereich evtl. eher bei 7-10 min. Mittlerweile gibt es zu den diversen Schuhmodellen schon zig Tests (u.a. von der Triathlon Crew Cologne) , die das Einsparen bzgl. Sauerstoffverbrauch nachgewiesen haben. Jedoch wurden alle Test in frischem Zustand absolviert. Ich vermute, dass der Katapulteffekt der Schuhe noch deutlicher zum Vorschein kommt, wenn der Unterschenkel schon „Brei“ ist, man also entsprechend vorermüdet nach 180km vom Rad steigt. Mir wird immer mehr rückgemeldet, dass sich die Beine nach dem Wettkampf frischer mit Carbon-Schuhen als herkömmlichen Schuhen anfühlen.

(Foto: nike.com)

Wettkampfberichte in den Sozialen Medien:

Der am meist gelesene Satz in den Sozialen Medien in 2021, wenn ein Rennen nicht den Erwartungen entsprochen hat, ist: „Ich habe meine Eigenverpflegung/Nutrition unterwegs verloren“. Ich wundere mich, wie vielen Sportlern das immer wieder passiert und frage mich, ob sie sich nicht ausreichend vorbereitet oder nachgedacht haben. Für mich gehört klar zur Vorbereitung dazu, dass ich mich mit den von Veranstalterseite ausgegebenen Gels, Getränke etc. auseinandergesetzt, mir diese besorgt und im Training auf Verträglichkeit getestet habe, um im Falle des Verlusts auf eben genau diese Produkte von außen zurückgreifen kann. Unverständlich bleibt, warum die Eigenverpflegung nicht so verstaut wird, dass sie eben nicht abhanden kommt. Die meisten TT-Räder verfügen über integrierte Trinksysteme, wieso packt man dann seine Nutrition in die Flasche im Rahmendreieck oder hinter den Sattel?

Ironman TriClub Global Ranking:
Die Einreisebeschränkungen in/aus einigen Ländern führen nicht wirklich zu einer globalen Chancengleichheit. Das Ranking zeigt leider recht deutlich, dass Clubs außerhalb der USA eher chancenlos sind, denn 2021 fanden und finden in den USA signifikant mehr Rennen als in Europa statt. Eine 70.3- Weltmeisterschaft für Age Grouper war in 2021 eigentlich eher utopisch in der Durchführung. Teilnehmen konnten nur Athleten, die sich 2 Wochen vor Einreise in einem Land außerhalb des Schengenraums aufgehalten haben. Bleibt die Frage, was der WM-Titel in den Altersklassen dann wirklich wert ist, wenn die Restriktionen nicht für jeden Sportler überwindbar sind.

Fazit:

Corona ist und bleibt ein Blödmann. Aber jede Krise hat ja bekanntlich einen Gewinner und das scheinen die Athleten zu sein, die konsequent an den diversen Baustellen in der wettkampffreien Zeit gearbeitet haben.

Alles getan, am Ende doch nicht dafür belohnt worden.

Ich verneige mich in großem Respekt vor Samuel Hürzelers Leistung und seiner Einstellung zum Sport. Der Ironman Thun war als großes Highlight des Jahres gedacht, wir haben im Vorfeld in Sachen Training alle Register gezogen, Heat adaptation, Aerotest, Höhentraining usw. in unsere Planungen bedacht. Ich habe in 17 Jahren als Coach selten einen Sportler mit solch bedingungslosem Einsatz und wirklich hochprofessioneller Einstellung zu seinem Beruf als Profi-Athlet erleben können. Nach dem 9. Platz beim Ironman Tulsa und dem 7. Sieg beim Inferno Triathlon haben wir im Training an allen Stellschrauben gedreht, um mit einer weiteren Top-Leistung beim Ironman Switzerland, quasi in Sämis Wohnzimmer, aufzuwarten.

(photo credit: Janosch Abel)

Das Schwimmen war leider mit 3000m doch deutlich zu kurz, es hat sich aber dennoch recht schnell eine Spitzengruppe gebildet, in der Sämi als 2. aus dem Thuner See gestiegen ist. In dieser Konstellation ging es zum Radfahren. Wir haben vorab mehrere Taktikmöglichkeiten für das Rennen durchgesprochen. Relativ früh im Rennen konnte er erste Akzente und Attacken setzen, seine Ortskenntnis ausspielen und das Rennen anführen. Bis dahin lief alles genau nach Plan.


(photo credit: Janosch Abel)

Doch dann wurde all das durch ein Mechanical am Rad zerstört. Die Bremse am Hinterrad hat sich, warum auch immer verbogen, so dass die Hydraulikleitung seiner Bremse samt Bremse an der Scheibe geschliffen hat.

Er konnte diesen Schaden nicht beheben, ein neutraler Materialwagen war entgegengesetzt zur Ankündigung im Pro-Race-Meeting nicht aufzufinden. Also hat Sämi kurzerhand entschlossen, das Rennen dennoch irgendwie weiter durchzuziehen. Die Spitzengruppe hatte er bereits verloren, die nachfolgende Gruppe war noch lang nicht in Sicht, so dass er irgendwo dazwischen alleine auf weiter Flur und mit schleifender Bremse die 180km mit >2000hm immer noch in 4:33, aber mit 15min Rückstand auf die Führenden beendete. Als Coach hab ich kurzfristig darüber nachgedacht, ihm ein DNF nahezulegen, um Körner für ein weiteres potenzielles Langdistanzrennen in 2021 zu sparen. Ich hab den Gedanken aber relativ schnell wieder verworfen, da ihm dieses Rennen wirklich sehr viel bedeutet und gerade auch, weil die Laufform sehr stark im Vorfeld gewesen ist. Seine gesamte Support-Crew war der gleichen Meinung, also haben wir ihn richtig angepeitscht, um mit einem schnellen Marathon noch Plätze gut zu machen. Der Plan ging auf, mit einer brachialen Gewaltleistung gemäß dem Prinzip „whatever it takes“ hat er sich Platz um Platz nach vorne gearbeitet und wurde mit neuer persönlicher Marathon-Bestzeit (2:47) und Platz 7 belohnt.

(photo credit: Janosch Abel)

Ich bewundere ihn wirklich sehr für seinen unerschütterlichen Willen, seine Einstellung zum Sport („it’s all about racing“) und seine enorme Leidensfähigkeit.
Die Leistung war grandios, eine Podiumsplatzierung wäre an einem „normalen“ Tag in Reichweite bzw. sehr realistisch gewesen, wobei Jan van Berkel und Joe Skipper läuferisch an diesem Tag in ihrer eigenen Liga unterwegs gewesen sind.

Am Ende bleibt die Erkenntnis, dass die Leistung wirklich gepasst hat, auch wenn die Ergebnisliste das nicht wirklich widerspiegeln kann.

True sportsmanship hat der verdiente Sieger Jan van Berkel gezeigt, wie man hier sehen kann.

(Quelle: Instagram)

sisu bedeutet in der wörtlichen Übersetzung Beharrlichkeit in ausweglosen Situationen. Wenn ein Sportler das am Sonntag verkörpert hat und wirklich die “best version of you” gewesen ist, dann Sämi!!

Danke, dass ich daran teilhaben durfte!

Be the best version of you!

Meld' dich unter info@sisu-training.de