Der Köhler-Effekt im Triathlon

Der Köhler-Effekt im Triathlon: Warum ein starkes Umfeld schneller macht

Triathlon gilt als Individualsport. Im Wettkampf schwimmst Du allein, trittst selbst in die Pedale und musst auch beim abschließenden Lauf mit Deinen eigenen Kräften, Gedanken und Entscheidungen umgehen. Trotzdem entsteht sportliche Entwicklung nur selten vollständig allein. TrainingspartnerInnen, Vergleichswerte und das Gefühl, Teil einer leistungsbereiten Gemeinschaft zu sein, können erheblichen Einfluss darauf haben, wie konsequent und mit welcher Qualität Du trainierst.

Ein Teil dieser Wirkung lässt sich mit dem sogenannten Köhler-Effekt erklären. Er beschreibt ein gruppenpsychologisches Phänomen, bei dem sich das vermeintlich schwächere Mitglied einer Gruppe stärker anstrengt, als es dies allein tun würde. Entscheidend ist dabei nicht bloß die Anwesenheit anderer Menschen, sondern die Wahrnehmung, dass die eigene Leistung sichtbar ist, mit anderen verglichen werden kann und für ein gemeinsames Ergebnis Bedeutung besitzt.

Was ist der Köhler-Effekt?

Der Effekt geht auf den deutschen Psychologen Otto Köhler zurück, der bereits in den 1920er-Jahren untersuchte, wie sich die Zusammensetzung einer Gruppe auf die individuelle Leistungsbereitschaft auswirkt. Dabei zeigte sich, dass schwächere Gruppenmitglieder ihre Leistung steigern können, wenn sie gemeinsam mit einer etwas stärkeren Person eine Aufgabe absolvieren.

Die moderne Forschung führt den Köhler-Effekt vor allem auf zwei Mechanismen zurück: den sozialen Vergleich und die wahrgenommene Unverzichtbarkeit der eigenen Leistung. Wer sich mit einer etwas stärkeren Person vergleicht, erhält einen Referenzpunkt, der die eigene bisherige Grenze infrage stellt. Gleichzeitig kann das Gefühl, für den Erfolg einer Gruppe mitverantwortlich zu sein, zusätzliche Kräfte mobilisieren. Eine wissenschaftliche Übersicht beschreibt genau diese beiden Mechanismen als zentrale Erklärungen für den Motivationseffekt: den Vergleich nach oben und die Bedeutung des eigenen Beitrags für die Gruppe. [Kerr und Hertel, 2011](https://compass.onlinelibrary.wiley.com/doi/abs/10.1111/j.1751-9004.2010.00333.x)

Dabei funktioniert der Effekt nicht nach dem Prinzip, dass möglichst große Leistungsunterschiede besonders motivierend wären. Im Gegenteil: Der Abstand muss erreichbar erscheinen. Wenn eine Trainingspartnerin zehn Sekunden schneller auf 100 Meter schwimmt oder ein Trainingspartner bei vergleichbarer physiologischer Beanspruchung etwas mehr Leistung auf dem Rad erzeugt, kann daraus ein produktiver Zug entstehen. Ist der Unterschied jedoch so groß, dass ein Vergleich sinnlos wirkt, kann Motivation in Resignation umschlagen.

Der entscheidende Gedanke lautet deshalb:

Die stärkere Person muss fordern, ohne unerreichbar zu wirken.

Warum der Effekt im Triathlon besonders interessant ist

Triathlon bietet für den Köhler-Effekt nahezu ideale Bedingungen, weil die Leistungsfähigkeit ständig sichtbar und vergleichbar wird. Schwimmzeiten, Leistungswerte auf dem Rad, Laufgeschwindigkeiten, Herzfrequenzen und Wettkampfergebnisse erzeugen eine große Zahl konkreter Referenzpunkte. Diese Daten können Druck erzeugen, wenn sie falsch eingeordnet werden, sie können aber auch Entwicklung anstoßen, wenn AthletInnen erkennen, dass jemand mit ähnlichen Voraussetzungen bereits etwas weiter ist.

Bei einem gemeinsamen Schwimmtraining kann eine leicht schnellere Person dafür sorgen, dass die Konzentration auf Wasserlage, Frequenz und Abdruck bis zum Ende der Serie erhalten bleibt. Auf dem Rad kann eine Trainingspartnerin dazu beitragen, dass die geplante Leistung auch während des letzten Intervalls sauber gefahren wird. Beim Laufen kann eine Gruppe verhindern, dass eine Einheit nach einem anstrengenden Arbeitstag vorschnell abgekürzt wird.

Der Köhler-Effekt bedeutet dabei nicht, dass jede Trainingseinheit zu einem internen Wettkampf werden sollte. Ein solches Verständnis wäre im Ausdauersport sogar gefährlich, weil es leicht dazu führt, dass lockere Einheiten zu schnell, intensive Einheiten zu hart und Erholungsphasen zu kurz gestaltet werden. Der Effekt sollte nicht darüber entscheiden, wie intensiv trainiert wird. Er kann jedoch dabei helfen, eine vorgegebene Aufgabe konsequenter und qualitativ besser umzusetzen.

Das Ziel besteht nicht darin, andere AthletInnen zu schlagen, sondern sich an ihrer Kontinuität, ihrer Arbeitsweise und ihrer Verbindlichkeit zu orientieren.

Die norwegische Trainingsgruppe als Beispiel

Ein sehr anschauliches Beispiel liefert die norwegische Trainingsgruppe um Kristian Blummenfelt, Gustav Iden und Casper Stornes. Die außergewöhnlichen Erfolge dieser Athleten werden häufig mit physiologischen Tests, Laktatsteuerung, Höhentraining, Hitzetraining und akribischer Datenerhebung erklärt. Diese Faktoren sind wichtig, greifen als Erklärung allein aber zu kurz.

Blummenfelt, Iden und Stornes entwickelten sich über viele Jahre in einem Umfeld, in dem sich außergewöhnliche Leistungsfähigkeit gegenseitig verstärkte. Sie trainierten gemeinsam, verglichen sich, stellten Fragen und verschoben immer wieder die Grenzen dessen, was innerhalb der Gruppe als normal galt. Bereits 2018 belegten die drei beim Rennen der World Triathlon Championship Series auf Bermuda geschlossen die ersten drei Plätze. Es war der erste Dreifacherfolg einer Nation auf diesem Niveau. World Triathlon verwies anschließend ausdrücklich auf den Zusammenhalt, den Teamgeist und die gemeinsame Entwicklung der drei Athleten. [World Triathlon, 2021](https://triathlon.org/news/blummenfelt-stornes-and-iden-raising-the-flag-for-norway-at-tokyo-2020)

Keiner dieser Athleten war dauerhaft nur der Stärkste oder der Schwächste. Je nach Disziplin, Trainingsphase und Aufgabenstellung veränderten sich die Rollen. Vielleicht schwamm einer besser, während ein anderer beim Radfahren den Maßstab setzte und ein Dritter bei langen Läufen oder unter bestimmten Umweltbedingungen überlegen war. Dadurch blieb der soziale Vergleich dynamisch und relevant.

Natürlich lassen sich die Erfolge der Norweger nicht einfach auf einen psychologischen Effekt reduzieren. Sie sind das Ergebnis von Talent, jahrelanger Trainingsarbeit, guter Steuerung, wissenschaftlicher Begleitung und einer hohen Belastbarkeit. Der Köhler-Effekt hilft jedoch zu verstehen, warum ein solches Umfeld mehr hervorbringen kann als drei Athleten, die dieselben Trainingspläne getrennt voneinander absolvieren.

Jeder Einzelne verändert den Maßstab der anderen.

Der Köhler-Effekt funktioniert auch digital

Besonders interessant ist, dass die motivierende Wirkung eines stärkeren Gegenübers nicht zwingend dessen körperliche Anwesenheit voraussetzt. In einer Untersuchung absolvierten Teilnehmende körperliche Übungen mit einer virtuell dargestellten, leistungsstärkeren Partnerperson. Obwohl diese Person nicht real mit ihnen im Raum trainierte, erhöhte sich die Ausdauer bei der Aufgabe gegenüber dem alleinigen Training deutlich. [Feltz, Kerr und Irwin, 2011](https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/21808077/)

Auch weitere Untersuchungen mit computergenerierten TrainingspartnerInnen konnten zeigen, dass eine moderat überlegene virtuelle Person die Anstrengungsbereitschaft und das Durchhaltevermögen beeinflussen kann. [Feltz et al., 2014](https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/?term=A+Test+of+the+K%C3%B6hler+Motivation+Effect+in+Exergames)

Das ist für modernes Triathloncoaching von großer Bedeutung, denn eine Trainingsgemeinschaft muss heute nicht mehr jeden Dienstagabend am selben Beckenrand stehen. AthletInnen können an unterschiedlichen Orten leben, unterschiedliche Arbeitszeiten haben und sich persönlich noch nie begegnet sein, aber dennoch durch gemeinsame Strukturen, sichtbare Trainingsergebnisse und geteilte Ziele miteinander verbunden sein.

Genau diese Entwicklung beobachte ich bei sisu-training.

Das digitale Kollektiv bei sisu-training

Viele unserer AthletInnen kennen sich nicht persönlich. Sie leben in verschiedenen Städten, trainieren auf unterschiedlichen Leistungsniveaus und bereiten sich auf unterschiedliche Wettkämpfe vor. Trotzdem sind sie Teil eines digitalen Kollektivs, in dem Training nicht vollständig unsichtbar bleibt.

AthletInnen sehen, dass andere ihre Einheiten auch bei schlechtem Wetter absolvieren. Sie erleben, wie jemand nach einer Verletzung geduldig zurückkehrt, wie eine berufstätige Mutter ihre Trainingswoche organisiert oder wie ein Age Grouper über Monate konsequent an einer vermeintlichen Schwäche arbeitet. Wettkampfergebnisse, Trainingsberichte und Rückmeldungen aus der Gruppe schaffen Referenzpunkte, die zeigen, was mit Kontinuität möglich ist.

In meiner Beobachtung entstehen dadurch immer bessere Ergebnisse, obwohl ein großer Teil der AthletInnen nie gemeinsam trainiert hat. Die Wirkung entsteht nicht allein durch direkten Wettbewerb. Sie entsteht durch eine Verschiebung dessen, was innerhalb der Gruppe als normal wahrgenommen wird.

Wenn viele AthletInnen ihre Grundlagenarbeit konsequent absolvieren, wird Kontinuität zur Norm. Wenn Verpflegung im Training systematisch erprobt wird, wird Vorbereitung zur Norm. Wenn Rückschläge offen eingeordnet werden, statt sie zu verbergen, wird ein vernünftiger Umgang mit Problemen zur Norm. Und wenn sichtbar wird, dass Fortschritt meistens aus vielen unspektakulären Wochen entsteht, verliert die einzelne spektakuläre Trainingseinheit an Bedeutung.

So kann ein digitales Kollektiv einen Köhler-Effekt im weiteren Sinne erzeugen. Die AthletInnen müssen sich dafür weder persönlich kennen noch gleichzeitig trainieren. Es genügt, dass sie sich als Teil einer Gruppe wahrnehmen, relevante Vergleichspunkte erhalten und spüren, dass die eigene Arbeit innerhalb dieses Umfelds Bedeutung besitzt.

Sichtbar wird dieses Phänomen u.a.auch in Form der Ergebnisse im sog. Ironman TriClub Rankings

Vergleich darf nicht zum permanenten Wettkampf werden

Der soziale Vergleich hat allerdings eine Kehrseite. Werden Trainingsdaten ohne Kontext bewertet, kann aus Motivation schnell unnötiger Druck entstehen. Eine höhere Geschwindigkeit bedeutet nicht automatisch die bessere Einheit. Eine größere Trainingsdauer bedeutet nicht zwangsläufig den größeren Trainingsreiz, und eine höhere Leistung sagt wenig aus, wenn Körpergewicht, Trainingsziel, Vorbelastung und individuelle Leistungsfähigkeit nicht berücksichtigt werden.

Gutes Coaching muss deshalb den Unterschied zwischen Orientierung und Kopieren deutlich machen. Der Trainingspartner darf ein Referenzpunkt sein, aber nicht zur Schablone werden. Jede Athletin und jeder Athlet benötigt weiterhin eine individuelle Belastungssteuerung, die zur eigenen Leistungsfähigkeit, Regeneration und Lebenssituation passt.

Der Köhler-Effekt ist dann besonders wertvoll, wenn AthletInnen nicht versuchen, jede Zahl zu überbieten, sondern die Verbindlichkeit und Konsequenz anderer übernehmen. Das stärkere Gruppenmitglied zeigt nicht zwingend, wie schnell Du heute laufen solltest. Es kann Dir aber zeigen, mit welcher Geduld und Regelmäßigkeit sportliche Entwicklung möglich wird.

Gemeinsam trainieren, individuell steuern

Die wichtigste Erkenntnis für den Triathlon lautet deshalb nicht, dass Gruppentraining grundsätzlich besser ist als individuelles Training. Entscheidend ist die Verbindung aus individueller Steuerung und einem starken sozialen Umfeld.

Der Trainingsplan muss zu Dir passen. Die Umsetzung findet jedoch nie in einem psychologischen Vakuum statt. Menschen orientieren sich an anderen Menschen, übernehmen Verhaltensweisen und passen ihre Erwartungen an das Umfeld an, in dem sie sich bewegen.

Die norwegische Trainingsgruppe zeigt diesen Mechanismus auf Spitzenniveau. Bei sisu-training beobachte ich ihn in einem digitalen Kollektiv aus AthletInnen, die sich häufig nicht persönlich kennen und trotzdem gegenseitig beeinflussen. Sie machen sichtbar, was möglich ist, erhöhen die Verbindlichkeit und tragen dazu bei, dass gute Trainingsarbeit nicht als Ausnahme, sondern als gemeinsamer Standard verstanden wird.

Am Ende geht es nicht darum, jeden Tag härter zu trainieren als die anderen. Es geht darum, durch das richtige Umfeld häufiger das umzusetzen, was für die eigene Entwicklung notwendig ist.

Denn Kontinuität entsteht zwar durch die Entscheidungen des Einzelnen, sie wird aber durch ein starkes Kollektiv sehr viel wahrscheinlicher.

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