16. März 2022 Mario Schmidt-Wendling

Zyklusbasiertes Training- Funktioniert das denn eigentlich?

In den letzten Jahren ist vermehrt das zyklusabhängige Training in die breite Sportöffentlichkeit gelangt. Das Buch „Roar“ von Stacy Sims hat extrem viel dazu beitragen können, dass das Thema Menstruation im Sport aus der Tabuecke kommt.

Bitter, dass man erst vor einigen Jahren verstanden hat, dass Studien im Sport nicht nur mit männlichen Probanden durchgeführt werden sollten, da es zum Teil elementare geschlechterspezifische Unterschiede gibt. Ich habe lange im Rahmen der Recherche zu meinem Buch nach wissenschaftlichen Arbeiten gesucht, die eine klare Handlungsempfehlung hinsichtlich des Trainings in Anpassung des weiblichen Zyklus ausgeben. Zuvor hatte ich bereits mehrere Male das Vergnügen, der Gynäkologin und aktiven Triathletin Dr. Susanne Weber bei unterschiedlichen Anlässen, u.a im Rahmen der Trainerausbildung der DTU, zu diesem Thema referierend zuzuhören.

In der täglichen Arbeit als Coach habe ich bereits vor Jahren begonnen, den Menstruationszyklus zu erfragen, habe in meinem Anamnesebogen, der zu Beginn der gemeinsamen Zusammenarbeit auszufüllen ist, eine entsprechende Rubrik eingebaut. Bei Athletinnen, die rückgemeldet haben, dass sie stärker durch PMS oder Blutungen betroffen sind, lasse ich mir im Trainingstagebuch den Zyklustag angeben. Bei Athletinnen, die zusätzlich mittels HRV-Kontrolle gecoacht werden, kann man den Zyklus i.d.R. recht gut an den HRV-Werten beobachten.

Im Rahmen der angebotenen Sweat Tests habe ich bei weiblichen Probanden immer wieder auf die zyklusabhängigen Differenzen hingewiesen.

Garcia AM, Lacerda MG, Fonseca IA, Reis FM, Rodrigues LO, Silami-Garcia E. Luteal phase of the menstrual cycle increases sweating rate during exercise. Braz J Med Biol Res. 2006 Sep;39(9):1255-61. doi: 10.1590/s0100-879×2006005000007. PMID: 16981051.

Ichinose-Kuwahara T, Inoue Y, Iseki Y, Hara S, Ogura Y, Kondo N. Sex differences in the effects of physical training on sweat gland responses during a graded exercise. Exp Physiol. 2010 Oct;95(10):1026-32. doi: 10.1113/expphysiol.2010.053710. Epub 2010 Aug 9. PMID: 20696786.

Sims ST, Rehrer NJ, Bell ML, Cotter JD. Preexercise sodium loading aids fluid balance and endurance for women exercising in the heat. J Appl Physiol (1985). 2007 Aug;103(2):534-41. doi: 10.1152/japplphysiol.01203.2006. Epub 2007 Apr 26. PMID: 17463297.

Sims ST, Rehrer NJ, Bell ML, Cotter JD. Endogenous and exogenous female sex hormones and renal electrolyte handling: effects of an acute sodium load on plasma volume at rest. J Appl Physiol (1985). 2008 Jul;105(1):121-7. doi: 10.1152/japplphysiol.01331.2007. Epub 2008 Apr 24. PMID: 18436693.

Moderne Activity- oder Health Tracker wie der Oura Ring oder Whoop proklamieren, dass an Hand der gemessenen Temperatur Rückschlüsse zum Zyklus möglich wären.

Oura
Whoop

Das Messen und Bestimmen des Zyklus ist wichtig und richtig, doch wie sieht es mit dem Übertrag in die Sportpraxis aus? Gibt es ausreichende Evidenzen und wirklich fundierte Handlungsempfehlungen oder ist das Ganze doch eher als Narrativ zu werten?

McNulty KL, Elliott-Sale KJ, Dolan E, Swinton PA, Ansdell P, Goodall S, Thomas K, Hicks KM. The Effects of Menstrual Cycle Phase on Exercise Performance in Eumenorrheic Women: A Systematic Review and Meta-Analysis. Sports Med. 2020 Oct;50(10):1813-1827. doi: 10.1007/s40279-020-01319-3. PMID: 32661839; PMCID: PMC7497427.

Brown N, Knight CJ, Forrest Née Whyte LJ. Elite female athletes’ experiences and perceptions of the menstrual cycle on training and sport performance. Scand J Med Sci Sports. 2021 Jan;31(1):52-69. doi: 10.1111/sms.13818. Epub 2020 Sep 19. PMID: 32881097

Meignié A, Duclos M, Carling C, Orhant E, Provost P, Toussaint JF, Antero J. The Effects of Menstrual Cycle Phase on Elite Athlete Performance: A Critical and Systematic Review. Front Physiol. 2021 May 19;12:654585. doi: 10.3389/fphys.2021.654585. PMID: 34093223; PMCID: PMC8170151.

Wie siehts mit dem Einsatz der Pille aus? Man liest immer wieder, dass der Einsatz der oralen Kontrazeptiva nicht förderlich für Athletinnen wäre und die Leistungsfähigkeit herabsetze.
Hier ein Beispiel, dass man mit solchen Aussagen auch eher zurückhaltend umgehen sollte.

Elliott-Sale KJ, McNulty KL, Ansdell P, Goodall S, Hicks KM, Thomas K, Swinton PA, Dolan E. The Effects of Oral Contraceptives on Exercise Performance in Women: A Systematic Review and Meta-analysis. Sports Med. 2020 Oct;50(10):1785-1812. doi: 10.1007/s40279-020-01317-5. PMID: 32666247; PMCID: PMC7497464.

Losgelöst davon, denke ich, dass die Entscheidung einer Athletin, ob sie mit der Pille verhütet oder nicht, nicht vom Trainer getroffen werden sollte. In meinen Augen gehört das klar in Gynäkologenhände.

Ich denke, die dargestellte Auswahl zeigt, dass das Thema nicht so ganz einfach umsetzbar ist, wie es heute in den Sozialen Medien und in der Trivialliteratur immer wieder dargestellt wird. Die Wissenschaft, und das ist das wirklich Skandalöse dabei, steckt auch im Jahr 2022 immer noch in den Kinderschuhen. Es braucht offensichtlich noch Zeit und mehr Power, sprich Forschungsgelder, um dieses so wichtige Thema weiter nach vorne zu bringen. Am Ende bleibt die Frage offen, ob Studien hierzu am Ende zu einer pauschalen Empfehlung führen können, denn die Problematik scheint wirklich höchstindividuell zu sein. Bis es weitere Empfehlungen in diese Richtung gibt, bleibe ich bei meiner bisher angewandten Strategie und bringe die zwei wichtigsten Tools im Werkzeugkoffer eines Coaches zum Einsatz: Ohr und Zunge
Die Kommunikation und das Gestalten des Trainings miteinander funktioniert meiner Meinung nach besser als das einfache Einteilen des Zyklus in bestimmte Phasen, die dann auch nur mit bestimmten Trainingsinhalten bestückt sein dürfen.