Ich habe in meinem 2020 erschienenen Buch “Erfolg auf der Langdistanz” bereits unterschiedliche Athletentypen charakterisiert. Ergänzend hierzu würde ich gerne gezielt auf 2 weitere Typen in der Situation eines Wettkampfs eingehen.
Der Ironman ist mehr als ein Triathlon. Er ist eine Reise – körperlich, mental und emotional. 3,8 km Schwimmen, 180 km Radfahren, ein Marathon zum Abschluss. Wer sich dieser Distanz stellt, tut das mit einem Plan. Doch wie dieser Plan gelebt wird, unterscheidet AthletInnen grundlegend. Zwei Archetypen begegnet man dabei immer wieder: dem Pacer, der sich strikt an Zahlen und Vorgaben hält, und dem Racer, der nach Gefühl, Mut und innerem Feuer agiert.
Beide können ins Ziel kommen. Aber der Weg dorthin fühlt sich völlig unterschiedlich an.
Der Pacer – Meister der Kontrolle
Der Pacer liebt Struktur. Seine Uhr ist seine Bibel. Herzfrequenz, Pace, Watt, Kadenz, Körperkerntemperatur – alles ist definiert, alles ist geplant. Wochen, manchmal Monate vor dem Rennen wurden Trainingsdaten analysiert, Zonen festgelegt, Szenarien durchgerechnet.
Seine Stärken
• Konstanz: Der Pacer läuft nicht zu schnell an. Er weiß, dass im Ironman Geduld belohnt wird
• Energieeffizienz: Durch präzise Steuerung vermeidet er Überpacen und den gefürchteten Mann mit dem Hammer.
• Planbarkeit: Ernährung, Tempo, Belastung – alles folgt einer Logik.
Seine Gefahr
Der Pacer kann zum Sklaven seiner eigenen Uhr werden.
Wenn der Körper sich gut anfühlt, aber die Uhr „Stopp!“ sagt, wird gebremst. Wenn der Kopf sagt „Heute geht mehr“, bleibt er vorsichtig. Und manchmal – gerade an schwierigen Tagen – verliert er das Vertrauen in sich selbst, weil die Zahlen nicht passen.
Der Pacer läuft nach Plan, NICHT nach Gefühl.
Der Racer – Wettkämpfer mit Herz
Der Racer kennt seine Daten, aber er lässt sich nicht von ihnen dominieren. Er hört auf seinen Atem, seine Beine, seinen Willen. Er spürt, wann es Zeit ist zu pushen – und wann es klüger ist, loszulassen.
Seine Stärken
• Intuition: Der Racer erkennt gute Tage – und nutzt sie.
• Mentale Stärke: Wenn es weh tut, wächst er oft über sich hinaus.
• Emotionale Dynamik: Er lebt den Wettkampf, saugt die Stimmung auf, reagiert auf das Handeln seiner Konkurrenten.
Seine Gefahr
Gefühl kann trügen. Euphorie auf dem Rad, zu schnelles Anlaufen beim Marathon, ein ignoriertes Warnsignal – der Racer riskiert ein DNF, wenn er sein Herz nicht mit Erfahrung koppelt und die Zahlen nicht mehr beachtet
Der Racer läuft für das Gefühl, NICHT für Strava und Zeiten
Zwei Philosophien – ein Ziel
Interessant ist: Keiner der beiden Ansätze ist per se besser.
• Der Pacer gewinnt oft gegen sich selbst.
• Der Racer gewinnt oft gegen andere – oder verliert spektakulär.
Viele erfahrene Ironman-Athleten entwickeln mit der Zeit eine Mischform:
Zahlen als Leitplanke, Gefühl als Steuerrad
Sie wissen, wann sie der Uhr folgen müssen – und wann sie sie ignorieren dürfen.
Der wahre Unterschied: Vertrauen
Am Ende ist der Unterschied kein technischer, sondern ein mentaler.
Der Pacer vertraut den Daten. Der Racer vertraut sich selbst.
Beide brauchen Mut. Der eine, um sich zu bremsen. Der andere, um loszulassen.
Und vielleicht ist genau das die Essenz des Ironman:
Nicht herauszufinden, wie schnell man sein kann, sondern wer man ist, wenn es weh tut, die Dinge nicht so wie gewünscht laufen und sich Unwägbarkeiten zeigen. Kurz: dann, wenn die ursprüngliche Definition von sisu gefordert wird, also die Beharrlichkeit in ausweglosen Situationen.

