22. April 2026 Mario Schmidt-Wendling

Mentale Gesundheit im Coaching: Der unterschätzte Leistungsfaktor

In den letzten Jahren hat sich die Diskussion rund um mentale Gesundheit im Sport stark auf Athleten konzentriert. Was dabei oft übersehen wird: Coaches bewegen sich im gleichen Hochdrucksystem – oft mit noch mehr Verantwortung.
Eine aktuelle Scoping Review von meinem geschätzten Trainerkollegen (Tomek) Kowalski et al. analysierte 84 Studien mit über 5.500 Elite-Coaches und zeigt ein klares Bild:
Mentale Belastung ist im Coaching kein Randthema – sondern strukturell verankert.

Warum Coaching mental so fordernd ist

Ein Coach ist nicht nur Trainer.
Er ist gleichzeitig:

– Entscheider
– Führungskraft
– Konfliktmanager
– Verantwortlicher für Leistung und Ergebnisse
– Troubleshooter

Diese Kombination führt zu einem konstant hohen Stressniveau.

Typische Belastungen:

– Lange und unvorhersehbare Arbeitszeiten
– Permanente Leistungsbewertung
– Jobunsicherheit
– Hohe emotionale Verantwortung

Das Resultat:
Chronischer Stress, mentale Erschöpfung und Burnout sind keine Ausnahme, sondern häufig.

Das zentrale Modell: Anforderungen vs. Ressourcen

Das Paper zeigt ein klares Muster:
Mentale Gesundheit entsteht aus der Balance zwischen:

Belastung (Job Demands)
Ressourcen (Support & Fähigkeiten)

Wenn die Anforderungen dauerhaft höher sind als die Ressourcen, steigt das Risiko für mentale Probleme massiv.
Dieses Modell ist deckungsgleich mit dem bekannten Job-Demands-Resources-Modell (JD-R), das auch im Hochleistungssport Anwendung findet.

Die wichtigsten Risikofaktoren

Die Forschung zeigt klare Muster:

– Dauerhafte Überlastung
– Fehlende Erholung
– Perfektionismus
– Identifikation ausschließlich über Leistung
– Fehlende organisatorische Unterstützung

Besonders kritisch:
Viele Coaches versuchen, Probleme alleine zu lösen – ein Faktor, der Stress und Isolation verstärkt. Problem hierbei ist jedoch, dass es ab einem gewissen Leistungsniveau immer weniger andere Coaches gibt, mit denen man sich auf Augenhöhe austauschen kann.

Die wichtigsten Schutzfaktoren

Genauso klar sind die Dinge, die funktionieren:
Soziale Unterstützung

– Familie (für mich der ultimative Gegenpol, weil ich dabei nicht als Coach gesehen und bewertet werde)
– Kollegen (wie bereits oben angemerkt, ist die Anzahl potenzieller Austauschpartner evtl. begrenzt)
– Mentoren (sehr hilfreich, auch aus komplett anderen Lebensbereichen)

2. Organisationale Strukturen

– Klare Rollen
– Gute Kommunikation
– Zugang zu Support-Systemen

3. Individuelle Fähigkeiten

– Selbstreflexion
– emotionale Regulation
– mentale Strategien

4. Lifestyle

– Schlaf (für mich weniger die absolute Schlafdauer entscheidend, sondern fixe Einschlaf-und Aufwachzeiten)
– Bewegung (Radtraining ist für mich Therapie)
– bewusste Erholung (ohne Sportkontext, am besten im Kreise der Familie)

Das größte Problem: Kein Off-Switch

Ein wiederkehrendes Thema in nahezu allen Studien ist die fehlende Trennung zwischen Arbeit und Privatleben.
Reisen, Wettkämpfe und Verantwortung führen dazu, dass viele Coaches nie wirklich abschalten. Wenn man am Wochenende permanent am Ironman Tracker hängt, erfordert das viel Verständnis aus dem familiären Umfeld.

Langfristig führt das zu:

– schlechter Regeneration
– mentaler Erschöpfung
– sinkender Leistungsfähigkeit

Warum das für den Leistungssport entscheidend ist

– Ein überlasteter Coach trifft schlechtere Entscheidungen.
– Er kommuniziert schlechter.
– Und er verliert langfristig die Fähigkeit, Athleten optimal zu entwickeln.

Mentale Gesundheit ist kein “Soft Factor” – sie ist ein Performance-Faktor.

Was wir daraus lernen müssen

Die Verantwortung liegt nicht nur beim Coach selbst.
Organisationen müssen:

– bessere Strukturen schaffen
– mentale Gesundheit aktiv fördern
– Coaches genauso unterstützen wie Athleten

Gleichzeitig müssen Coaches lernen:

– Grenzen zu setzen ( Telefon ausschalten, Auszeiten an Sportler klar kommunizieren und “hart” bleiben, sich diese Auszeiten nicht nehmen lassen)
– Hilfe anzunehmen (Dialog ist King!!)
– bewusst zu regenerieren

Fazit

High Performance funktioniert nur nachhaltig, wenn auch die Menschen hinter der Leistung geschützt werden.

Nicht nur Athleten brauchen ein System.
Auch Coaches brauchen eines. Daher auch mein Appell an alle SportlerInnen. Respektiert die notwendigen Auszeiten der Coaches, denn nur so ist ein dauerhaft erfolgreiches Tandem möglich.

Quellen
Kowalski T. et al. (2025). Risk and protective factors in the mental health of elite sports coaches: a scoping review.
Bakker & Demerouti (2017). Job Demands-Resources Theory
Reardon et al. (2019). Mental health in elite athletes – IOC consensus statement
Bentzen et al. (2016). Burnout in high-performance coaches









Risk and protective factors in the mental health of elite sports coaches: a scoping review