15. Oktober 2026 Mario Schmidt-Wendling

Kona 2026- ein persönliches Fazit

Das Rennen des Jahres ist Geschichte. Was bleibt, sind unzählige Eindrücke, intensive Begegnungen und die Erkenntnis, dass Kona selbst nach der sorgfältigsten Vorbereitung unberechenbar bleibt. Zeit, meine Beobachtungen und Erlebnisse einzuordnen – als Coach, als Begleiter und als jemand, den dieser besondere Ort immer wieder aufs Neue begeistert.

Für Dennis waren bei der diesjährigen Ironman-Weltmeisterschaft drei seiner betreuten Sportler am Start. Für mich gab es einen persönlichen Rekord: 19 Age Grouper sowie die beiden Profis Antonia Milowsky und Willy Hirsch durfte ich auf ihrem Weg nach Hawaii begleiten. Hinter jeder dieser Teilnahmen stecken Monate voller Arbeit, Entscheidungen und Erwartungen. Entsprechend groß ist die Verantwortung, die ich als Trainer empfinde – und die Freude über das Vertrauen, das mir entgegengebracht wird.

Mit Willy bin ich bereits zweieinhalb Wochen vor dem Wettkampf nach Kona gereist. Für ihn war es der erste Start auf Big Island. Wir wollten die Zeit nutzen, um uns konsequent an die klimatischen Bedingungen anzupassen und unsere Rennplanung vor Ort zu überprüfen.

Dafür haben wir unter anderem die Schweißrate bestimmt, Laktatproben entnommen sowie Daten aus dem Tymewear Breathing Sensor und zur Körperkerntemperatur ausgewertet. Diese Werte haben wir mit den tatsächlichen Bedingungen abgeglichen, erfasst mit unseren mitgebrachten WBGT- und Windgeschwindigkeitsmessern. Unser Ziel war ein belastbarer Plan für Intensität, Verpflegung, Flüssigkeitszufuhr und Kühlung.

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Nach der ersten Woche in einem kleinen Apartment sind wir umgezogen. Unser Partner Topteam Sports hatte ein wunderschönes Haus auf einer Farm am Ende des Alii Drive angemietet. Einige meiner Age Grouper waren ebenfalls dort untergebracht. Die Anlage bot einen wunderbaren Rahmen für unser Teamtreffen, die interne Wettkampfbesprechung und den persönlichen Austausch. Es sind auch diese gemeinsamen Tage, die eine Weltmeisterschaft besonders machen.

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Die Voraussetzungen waren geschaffen. Doch wie gut ein Plan tatsächlich trägt, zeigt sich in Kona erst am Renntag.

Schon am Morgen hielt Hawaii die erste Überraschung bereit: Regen. In den Wettermodellen, die ich vor dem Rennen geprüft hatte, war davon nichts zu sehen gewesen. Das Meer war unruhiger als in den vergangenen Jahren, die Schwimmbedingungen entsprechend anspruchsvoll. Zu Beginn des Radfahrens traf eine sehr hohe Luftfeuchtigkeit auf zunächst moderate Temperaturen. Aus meiner Sicht eine Kombination, die dazu verleiten konnte, etwas härter anzufahren als ursprünglich geplant.

Die Windverhältnisse empfand ich als klassisch für Kona: wechselnde Richtungen und zunehmender Gegenwind auf den letzten 40 bis 50 Kilometern. Der Marathon war dann brutal wie immer. Wind, Luftfeuchtigkeit und Temperatur ergeben hier eine Mischung, die das Rennen besonders anspruchsvoll macht.

Warum das so ist, lässt sich an der Lufttemperatur allein kaum erkennen. Mit steigender Belastung wächst neben dem Energiebedarf auch die Wärmeproduktion. Der Körper muss ausreichend Energie bereitstellen und gleichzeitig überschüssige Wärme abgeben. Dafür reicht es nicht, viel zu schwitzen: Der Schweiß muss verdunsten, damit er wirksam kühlt. Bei hoher Luftfeuchtigkeit wird genau das erschwert.

Eine Belastung, die sich anfangs noch kontrolliert anfühlt, kann dadurch im weiteren Rennverlauf zunehmend schwer aufrechtzuerhalten sein. Eine kleine Tempoverschärfung bedeutet dann nicht nur mehr Geschwindigkeit. Sie erhöht auch den Energieumsatz und die Wärmeproduktion – mit möglichen Folgen, die erst deutlich später sichtbar werden.

Das erklärt, warum Pacing, Ernährung, Flüssigkeitszufuhr und Kühlung in Kona so eng zusammengehören. Diese Bereiche lassen sich nicht unabhängig voneinander planen. Gerät einer davon aus dem Gleichgewicht, können die anderen schnell mitbetroffen sein. Wer einmal deutlich über seine Belastungsgrenze hinausgegangen ist, bekommt hier oft kaum Gelegenheit, sich wieder zu stabilisieren.

Für die Profis kommt ein weiterer Faktor hinzu: die Konkurrenz.

Die Leistungsdichte an der Weltspitze lässt wenig Spielraum. Wer um den Sieg kämpfen möchte, muss in allen drei Disziplinen auf höchstem Niveau bestehen. Eine zurückhaltende Renngestaltung kann zwar die Wahrscheinlichkeit erhöhen, die eigene Leistung bis ins Ziel aufrechtzuerhalten. Sie kann aber ebenso bedeuten, dass die entscheidenden Konkurrenten längst außer Reichweite sind.

Als Coach kann ich im Vorfeld einen physiologisch sinnvollen Plan entwickeln. Im Rennen muss ein Athlet jedoch innerhalb von Sekunden entscheiden: Gehe ich mit? Schließe ich die Lücke? Halte ich das Tempo oder lasse ich abreißen? Jede dieser Entscheidungen kann den Rennverlauf verändern.

Ein später Einbruch bedeutet deshalb nicht automatisch, dass die Vorbereitung schlecht oder die Entscheidung offensichtlich falsch war. Er kann auch die Kehrseite eines Risikos sein, das im Kampf um eine Spitzenplatzierung bewusst eingegangen wurde. Eine Führung über viele Stunden ist keine Garantie dafür, dass der Körper die Belastung bis zur Ziellinie tragen kann.

Welcher Faktor bei einem einzelnen Athleten letztlich ausschlaggebend war, lässt sich von außen kaum sicher beurteilen. Überhitzung, Probleme mit der Energieversorgung, Flüssigkeitsverluste oder andere Beschwerden lassen sich nicht allein aus Fernsehbildern diagnostizieren.

Deshalb stören mich Kommentare, in denen Profis als „zu weich“ oder „respektlos“ bezeichnet werden, weil sie ihr Rennen nicht beenden. Eine solche Bewertung wird weder der Belastung noch der sportlichen Situation gerecht. Age Grouper können sich häufig stärker auf ihr eigenes Rennen konzentrieren. Bei den Profis beeinflussen Taktik und Renndynamik die Belastung zusätzlich. Das macht den ohnehin schmalen Grat zwischen einer herausragenden Leistung und einem DNF noch schmaler.

Bei aller Begeisterung für dieses Rennen bleiben allerdings auch kritische Beobachtungen zur Organisation.

Im Age-Group-Rennen habe ich kaum Kampfrichter wahrgenommen. Gleichzeitig habe ich Situationen gesehen, in denen Athleten über längere Zeit mit offensichtlich viel zu geringem Abstand hintereinanderfuhren. Dabei spreche ich nicht von einer kurzfristigen Fehleinschätzung um ein oder zwei Meter, sondern von bewusstem Fahren unmittelbar am Hinterrad.

Das wird dem Anspruch einer Weltmeisterschaft nicht gerecht. Wer sich qualifiziert, viel Zeit und Geld investiert und fair fährt, muss sich auf eine konsequente Durchsetzung der Regeln verlassen können.

Auch auf der Laufstrecke hätte ich mir eine sichtbarere Präsenz von Kampfrichtern und medizinischem Personal gewünscht. Das ist meine persönliche Wahrnehmung entlang der von mir beobachteten Streckenabschnitte. Gerade bei diesen Bedingungen sind eine verlässliche Betreuung und klare Regeln wesentliche Bestandteile eines solchen Rennens.

Trotz dieser Kritik überwiegt für mich die Dankbarkeit. Zu diesem Aufenthalt gehörten rund 1.400 Kilometer im Auto auf dem Highway, unzählige selbst gemachte Ice-Recovery-Slushs, 20 Laktatproben und zehn Acai Bowls mit Willy. Dazu kamen zwei Vorträge zum Thema Cooling – danke unter anderem an Ultracool Tech für die Möglichkeit –, zwei intensive Weiterbildungstermine mit Arnar Larusson von Tymewear, Gespräche mit Trainerkollegen, Interviews mit TriMag und ein Podcast mit Triathlonstudio.de

Vor allem bleiben aber die Momente, die sich in keine Statistik packen lassen: Gespräche vor dem Start, die Anspannung am Streckenrand, das gemeinsame Hoffen und all die persönlichen Geschichten hinter diesem Rennen.

Mein Fazit aus Hawaii: Präzise Vorbereitung ist unverzichtbar. Sie hilft uns, bessere Entscheidungen zu treffen und mit den Bedingungen umzugehen. Die letzte Unsicherheit kann sie uns jedoch nicht nehmen. Genau das macht Kona sportlich so anspruchsvoll und emotional so besonders.

Mahalo an alle Sportlerinnen und Sportler, die mir ihr Vertrauen geschenkt haben, und an Topteam Sports für den wunderbaren Rahmen. Es war mein bisher schönster Trip nach Kona.